Oder: Warum ich kurz davor war, alles in Schutt und Asche zu legen
Es gibt Phasen im Leben, da fragt man sich ernsthaft, ob das Universum einen nicht einfach veräppeln möchte. Ich bin Mitte fünfzig. Meine beiden Jungs stecken mitten in der Pubertät. Und mein Mann? Der ist ebenfalls Mitte fünfzig. Manchmal habe ich allerdings den leisen Verdacht, dass auch ihn die Pubertät noch einmal erwischt hat. Anders kann ich mir manches jedenfalls nicht erklären. Vor ungefähr einem Jahr war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich innerlich kurz davor war, alles in Schutt und Asche zu legen.
Einfühlsame Mutter? Pfffft … Davon war gefühlt nichts mehr übrig.
Es war, als hätte ich mein gesamtes Einfühlungsvermögen in den letzten fünfzig Jahren komplett aufgebraucht. Irgendwo musste es doch einen Tank gegeben haben – und meiner war offensichtlich leer. Zurück blieb nur noch ein furchtbar zorniges Monster. Mit Kettensäge.
Ich hatte plötzlich für nichts mehr Geduld.
Nicht für herumliegende Socken.
Nicht für endlose Diskussionen.
Nicht für „Hab ich vergessen.“
Nicht für schlechte Laune.
Nicht einmal mehr für kleine Missgeschicke, die Kindern und Jugendlichen nun einmal passieren dürfen.
Früher hätte ich tief durchgeatmet.
Heute ging ich sofort an die Decke.
Und ehrlich gesagt: Ich mochte mich selbst irgendwann nicht mehr.

Der Satz, den ich zuerst gar nicht hören wollte
Irgendwann nahm mich mein Mann zur Seite. Ganz ruhig. Ohne Vorwürfe. Er sagte nur:
„Schatz, so geht das nicht weiter.“
Ich war immer noch sauer. Eigentlich auf alle. Auf die Kinder. Auf ihn. Wahrscheinlich sogar auf den Wetterbericht. Aber irgendwo zwischen all der Wut gab es einen dieser seltenen lichten Momente. Und ich wusste: Er hat recht. Denn meine Kinder brauchten gerade jetzt etwas ganz anderes. Sie brauchten eine Mutter, die geduldig bleibt. Die versteht, dass ihr Gehirn gerade komplett umgebaut wird. Die ihnen Halt gibt. Stattdessen bekamen sie oft eine Frau, die schon wegen einer umgekippten Müslischüssel explodierte. Das wollte ich nicht sein. Also machte ich das, was ich immer mache, wenn ich etwas wirklich verstehen möchte. Ich fing an zu lesen. Und plötzlich ergab vieles einen Sinn.
Warum diese Kombination so anstrengend ist
Als ich mich mit dem Thema beschäftigte, stellte ich fest, dass ausgerechnet zwei Lebensphasen gleichzeitig in unserem Haus stattfanden.
Die Pubertät. Und die Wechseljahre. Beide haben erstaunlich viel gemeinsam.
Während der Pubertät wird das Gehirn praktisch umgebaut. Gefühle werden intensiver erlebt, Impulse schlechter kontrolliert und der Teil des Gehirns, der für vernünftige Entscheidungen zuständig ist, entwickelt sich erst nach und nach vollständig. Gleichzeitig verändern die Wechseljahre ebenfalls das Gehirn. Durch den sinkenden Östrogenspiegel verändern sich wichtige Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin. Viele Frauen reagieren dadurch empfindlicher auf Stress, sind schneller gereizt, emotionaler oder fühlen sich dauerhaft erschöpft. Mit anderen Worten:
Bei uns trafen zwei Großbaustellen aufeinander. Die meiner Kinder. Und meine.
Warum du deshalb keine schlechte Mutter bist
Diese Erkenntnis hat bei mir unglaublich viel verändert. Nicht, weil ich plötzlich nie mehr laut geworden wäre. Das wäre gelogen. Aber ich verstand endlich, warum ich mich selbst kaum noch wiedererkannte. Es lag nicht daran, dass ich plötzlich eine schlechte Mutter geworden war. Es lag auch nicht daran, dass meine Kinder plötzlich „schwierig“ waren. Wir steckten einfach alle gleichzeitig in einer Phase großer Veränderungen. Und allein dieses Wissen hat unglaublich viel Druck herausgenommen.
Was mir wirklich geholfen hat
Natürlich verschwinden dadurch weder Pubertät noch Wechseljahre. Aber ein paar Dinge haben unser Familienleben deutlich entspannter gemacht.
- Mehr Verständnis für mich selbst
Ich hörte auf, mich ständig dafür zu verurteilen, dass ich nicht mehr dieselbe Geduld hatte wie früher. - Offener darüber sprechen
Irgendwann erklärte ich meinen Kindern sogar, was die Wechseljahre eigentlich sind. Nicht jedes Detail. Aber genug, damit sie verstanden: Mama ist nicht verrückt geworden.
- Kleine Auszeiten zulassen Früher dachte ich immer, ich müsse alles aushalten. Heute weiß ich: Manchmal reichen zehn Minuten Ruhe, damit aus einer Explosion wieder ein normales Gespräch werden kann.
- Hilfe annehmen Ob Gespräche mit dem Partner, Freundinnen oder – wenn nötig – ärztliche Unterstützung: Niemand muss diese Zeit allein durchstehen.
Mein Fazit
Falls bei euch zu Hause gerade ständig dicke Luft herrscht … Falls du dich selbst kaum noch wiedererkennst … Falls du abends im Bett liegst und denkst:
„Ich bin keine gute Mutter mehr.“
Dann möchte ich dir etwas sagen. Du bist wahrscheinlich nicht plötzlich ein anderer Mensch geworden. Du bist eine Frau in den Wechseljahren. Mit pubertierenden Kindern. Und genau diese Kombination kann unglaublich herausfordernd sein. Vielleicht hilft dir derselbe Gedanke, der auch mir geholfen hat: Wir entwickeln uns gerade alle gleichzeitig weiter. Nur auf unterschiedliche Weise. Und manchmal reicht dieses Verständnis schon aus, um am nächsten Tag wieder etwas liebevoller miteinander umzugehen.
Häufige Fragen (FAQ)
Ist es normal, in den Wechseljahren schneller gereizt zu sein?
Ja. Sinkende Östrogenspiegel können Botenstoffe im Gehirn beeinflussen und dazu führen, dass Stress schlechter verarbeitet wird.
Warum eskalieren Konflikte mit Teenagern gerade jetzt so häufig?
Weil sowohl Jugendliche als auch Frauen in den Wechseljahren hormonelle Veränderungen erleben, die Emotionen und Reaktionen beeinflussen können.
Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich schneller laut werde?
Nein. Viele Frauen erleben diese Phase ähnlich. Wichtig ist, die Ursachen zu verstehen und sich Unterstützung zu holen, wenn die Belastung zu groß wird.
Sollte ich mit meinen Kindern über die Wechseljahre sprechen?
Ein altersgerechtes Gespräch kann helfen. Kinder müssen keine medizinischen Details kennen, aber sie dürfen verstehen, warum Mama sich manchmal anders fühlt.
Geht diese Phase wieder vorbei?
Ja. Die hormonellen Veränderungen sind nicht dauerhaft gleich stark. Mit der Zeit finden viele Frauen wieder zu mehr Gelassenheit.
Quellen
- Deutsche Menopause Gesellschaft e. V.
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
- Australasian Menopause Society – Informationen zu Stimmung und Hormonen
- Fachliteratur zur Entwicklung des Gehirns in der Pubertät
Transparenzhinweis
Dieser Artikel basiert auf persönlichen Erfahrungen und ergänzt diese durch wissenschaftlich fundierte Informationen. Er ersetzt keine ärztliche Beratung.
