Meine Zündschnur und ich: Warum ich in den Wechseljahren schneller ausraste
Von der entspannten Fußballmama zur Seitenlinien-Ultra
Ich hole euch jetzt mal in mein Leben als Fußballmama. Als mein Erstgeborener – jetzt 15, seufz – mit vier Jahren mit Fußball angefangen hat, war ich unsicher. Einen anderen Sport in der Nähe, den er mit seinen Kumpels machen konnte, hatte ich nicht gefunden und Teamspirit konnte er gut gebrauchen. Sich in eine Mannschaft einfügen, verschiedenste Kinder kennenlernen, dort eine Aufgabe haben und gemeinsam ein Ziel verfolgen. Soweit so gut. Aber ich hatte Angst. Vor den Eltern! Die Eltern der größeren Mannschaften hatte ich nämlich schon am Spielfeldrand gesehen: ausrastend, schreiend – wie die Ultras beim FC Köln. Echt. Pffft. Soooo bin iiiich null! Ich werde doch nicht wie eine Gestörte am Spielfeldrand ausrasten. Wie sind die denn drauf?
Ich, elf Jahre später. Gestern. Testspiel meines Sohnes in der B-Jugend, 1. Mannschaft. Ich am Rand: stolz. Der da – ist meiner!!! 😊 Der, der sich so reinhängt, der kämpft, der … äh … WAS IST JETZT??? Haben die Kids von der gegnerischen Mannschaft den gerade vor die Bande geballert? Ohne Aussicht auf den Ball? DAS IST DOCH ROOOOT!!!
Von links: „Annika, er liegt da am Boden, geh mal schnell …“ Oh Gott. Am Boden. Mein kleines Baby! Ich also hin. Und während meiner da liegt, klatschen die gegnerischen Jugendlichen miteinander ab. Dem haben sie es gezeigt. Der nervte sie schließlich schon die ganze Zeit. Bäm. „Gut gemacht, Jungs!“ Ich: Waaaaaas???? Ihr klatscht ab, weil ihr foult???? Was ist mit euch? Spinnt ihr, ihr … Okay. Abblende. 😉
Ich anschließend zu unserer Mannschaft: „Ey, die klatschen ab, wenn sie euch foulen??? Jetzt zeigt mal, was in euch steckt! Macht sie platt!“ Mein Mann, der einer der Trainer ist, schreit sich zwischenzeitlich mit dem gegnerischen Trainer an und irgendwo zwischen Bande, Schiedsrichter und meinem am Boden liegenden „Baby“ stelle ich fest: Sie ist weg. Komplett weg. Die Annika, die sich immer im Griff hat. Die nicht ausflippt. Die freundlich bleibt.
Und soll ich euch was sagen? Es ist ein bisschen herrlich. Nicht das Anschreien von Jugendlichen. Bevor hier jemand den Kinderschutzbund informiert. 😆 Sondern dieses Gefühl, nicht mehr jeden Gedanken dreimal durch meine innere PR-Abteilung schicken zu müssen, bevor er meinen Mund verlassen darf. Zu sagen, was ich denke. Auch mal lauter zu werden. Auch mal unangenehm zu sein. Nicht mehr automatisch anschließend zu überlegen: Oh Gott, war das jetzt unfreundlich? Was denkt der jetzt von mir?
Denn früher wollte ich es wirklich jedem recht machen. Ich wollte gemocht werden, niemanden verletzen, Harmonie herstellen. Und wisst ihr was? Das lässt nach. Und das wurde auch verdammt noch mal Zeit.

Ist Reizbarkeit in den Wechseljahren normal?
Ja, Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen können zu den Beschwerden der Wechseljahre gehören. Die Deutsche Menopause Gesellschaft zählt Angst, Reizbarkeit und depressive Verstimmungen zu den häufig berichteten Beschwerden. In der Perimenopause schwankt die Hormonproduktion teilweise erheblich, und gleichzeitig können weitere Wechseljahresbeschwerden wie schlechter Schlaf die Stimmung zusätzlich belasten.
Und da wurde es für mich interessant. Denn vielleicht bilde ich mir meine kürzere Zündschnur tatsächlich nicht komplett ein. Aber ich möchte auch nicht alles, was ich mit Mitte 50 mache, den Hormonen in die Schuhe schieben. Wir sind ja keine willenlosen Östrogen-Marionetten. 😆 Wechseljahre sind eine Lebensphase, in der hormonelle Veränderungen, körperliche Beschwerden und das ganz normale Leben ziemlich spektakulär aufeinandertreffen können.
Denn überlegt mal, was bei vielen Frauen in diesem Alter gleichzeitig passiert: Wir arbeiten, haben teilweise Teenager zu Hause, kümmern uns womöglich zunehmend um unsere eigenen Eltern, organisieren Familien, Beziehungen und Haushalte – und schlafen vielleicht nebenbei auch noch beschissen. Wenn ich nachts um drei Uhr wach bin und mein Gehirn bis fünf Uhr sämtliche Probleme meines Lebens bearbeitet, bin ich am nächsten Nachmittag eventuell nicht die personifizierte Gelassenheit. Dass Schlafprobleme Reizbarkeit, Stress und Ängstlichkeit verstärken können, beschreibt auch der NHS ausdrücklich.
Dafür gibt es nicht die eine Ursache. Hormonelle Veränderungen können die Stimmung beeinflussen, gleichzeitig können Schlafmangel, Hitzewallungen, Stress, körperliche Beschwerden und die persönliche Lebenssituation dazu beitragen, dass die Belastbarkeit sinkt. Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmungen und andere psychische Veränderungen gehören zu den anerkannten möglichen Beschwerden der Menopause.
Und genau deshalb möchte ich aus meiner Zündschnur kein simples „Mein Östrogen ist schuld!“ machen. Vielleicht hat es einen Anteil. Vielleicht hat mein Schlaf einen Anteil. Vielleicht habe ich inzwischen aber auch schlicht weniger Lust auf Bullshit.
Und diesen letzten Teil finde ich ziemlich großartig.
Vielleicht habe ich einfach weniger Lust auf Bullshit
Natürlich möchte ich nicht permanent gereizt durch mein Leben laufen. Ich möchte nicht meinen Mann anbrüllen, weil er eine Tasse drei Zentimeter neben die Spülmaschine gestellt hat, obwohl sie – wir wissen es alle – IN DIE SPÜLMASCHINE GEHÖRT. 😆 Und ich möchte schon gar nicht Menschen meine schlechte Laune überkippen, die überhaupt nichts dafür können.
Aber etwas anderes möchte ich ganz ausdrücklich behalten: meine geringere Bereitschaft, ständig nett sein zu müssen.
Denn vielleicht bin ich mit Mitte 50 einfach an einem Punkt angekommen, an dem mir dämmert: Ich muss gar nicht von jedem gemocht werden.
Was für eine Erkenntnis!
Warum hat mir das eigentlich niemand mit 25 gesagt?
Wir Gen-X-Frauen können alles – und machen deshalb alles
Und jetzt muss ich noch kurz meine Generation ins Spiel bringen. Sorry. 😆 Gen X. Ich finde uns ja sowieso ziemlich großartig.
Wir Frauen haben gelernt, dass wir alles können. Ausbildung oder Studium, arbeiten, eigenes Geld verdienen, Kinder bekommen, Haushalt, Beziehungen, Elternabende, Geburtstage organisieren, Weihnachtsgeschenke besorgen, Kühlschrank füllen und zwischendurch noch schnell die kaputte Schranktür reparieren. Wir wollten nicht mehr das Leben unserer Mütter führen – und haben deshalb einfach deren Aufgaben plus Vollzeitjob übernommen.
Clever. 😆
Und gleichzeitig steckt dieses alte Zeug teilweise noch verdammt tief in uns. Sei freundlich. Sorge dafür, dass es allen gut geht. Mach keinen Ärger. Entschuldige dich. Lobe deinen Mann, wenn er den Müll rausgebracht hat, während du selbst seit morgens ungefähr 17 Dinge erledigt hast, ohne anschließend eine Pressekonferenz dazu einzuberufen.
Vielleicht waren wir irgendwann in der Höhle tatsächlich diejenigen, die für das friedliche Miteinander zuständig waren. Keine Ahnung. Aber Leute: Wir haben 2026. Wir arbeiten Vollzeit, ziehen Kinder groß, organisieren Familien, verdienen Geld, reparieren Sachen im Haus und versuchen nebenbei noch herauszufinden, warum unser Bauch plötzlich macht, was er will.
Da darf unsere Zündschnur vielleicht gelegentlich ein kleines bisschen kürzer werden.
Bin ich überreizt – oder zu Recht sauer?
Das ist für mich inzwischen die eigentlich spannende Frage. Denn nicht jedes deutliche „Nein“ ist Reizbarkeit. Nicht jede Frau, die widerspricht, hat ein Hormonproblem. Und nicht jede Grenze, die ich heute ziehe und früher nicht gezogen hätte, ist ein Wechseljahressymptom.
Ich glaube, ich lerne gerade erst richtig, diese beiden Dinge auseinanderzuhalten: Bin ich gerade völlig überreizt – oder bin ich zu Recht sauer?
Das ist ein Unterschied.
Wenn ich nach drei Stunden Schlaf morgens schon explodiere, weil jemand die falsche Müslischüssel genommen hat, ist vielleicht nicht die Müslischüssel mein eigentliches Problem. Wenn mir dagegen jemand blöd kommt, meine Grenzen überschreitet oder meinen Sohn ohne Aussicht auf den Ball vor die Bande knallt und sich dafür auch noch feiern lässt … tja. Dann bin ich vielleicht einfach sauer.
Und das darf ich sein.
Was hilft gegen Reizbarkeit in den Wechseljahren?
Es hängt davon ab, woher die Beschwerden kommen und wie stark sie sind. Schlaf, Bewegung, Entspannung und die Reduktion persönlicher Stressfaktoren können hilfreich sein. Bei Wechseljahresbeschwerden kommen je nach Symptomen und individueller Situation weitere Behandlungsmöglichkeiten infrage. Die aktuelle NICE-Leitlinie empfiehlt beispielsweise menopausenspezifische kognitive Verhaltenstherapie als eine mögliche Option bei bestimmten depressiven Symptomen und bei Schlafproblemen im Zusammenhang mit vasomotorischen Beschwerden; bei einer tatsächlichen Depression sollte diese entsprechend diagnostiziert und behandelt werden.
Für mich beginnt es allerdings noch einen Schritt vorher: Ich versuche inzwischen herauszufinden, warum ich gerade so geladen bin. Habe ich beschissen geschlafen? Bin ich gestresst? Habe ich seit Stunden nichts Vernünftiges gegessen? Bin ich komplett überfordert? Oder habe ich eigentlich ein ganz anderes Problem und mein Mann bekommt es gerade stellvertretend ab, weil er gewagt hat, die Spülmaschine falsch einzuräumen?
Und dann gibt es eben die Situationen, in denen ich nach kurzem inneren Check feststelle:
Nö.
Ich bin tatsächlich sauer.
Dann darf ich das inzwischen auch sein. Ich muss nicht jedes Gefühl sofort wegatmen. Ich darf sagen: Das fand ich scheiße. Ich möchte das nicht. Hör auf damit. Das ist mir zu viel.
Nein.
Was für ein fantastisches kleines Wort übrigens.
Nein.
Hätte ich ruhig schon mit 30 häufiger benutzen können.
Wann sollte ich mir Unterstützung holen?
Wenn Reizbarkeit, Wut, Ängste, depressive Stimmung oder starke Stimmungsschwankungen häufig auftreten, den Alltag oder Beziehungen erheblich belasten oder man sich selbst kaum wiedererkennt, sollte man sich Unterstützung holen. Nicht jede psychische Veränderung in der Lebensmitte ist automatisch „nur Wechseljahre“, und eine Depression oder andere Erkrankungen sollten nicht übersehen werden. NICE empfiehlt bei vermuteter oder diagnostizierter Depression, die entsprechenden Leitlinien zur Behandlung von Depressionen zusätzlich zur Menopause-Behandlung heranzuziehen.
Das finde ich wichtig. Denn ich möchte aus „endlich sage ich meine Meinung“ keinen lustigen Freifahrtschein für permanentes Ausrasten machen. Es gibt einen Unterschied zwischen Grenzen setzen und alle Menschen scheiße behandeln.
Den möchte ich gern behalten. 😆
Mein Fazit: Ein bisschen Contenance – und deutlich mehr Nein
Natürlich möchte ich nicht die Frau werden, vor der ich vor elf Jahren am Fußballplatz Angst hatte. Die brüllende Mutter am Spielfeldrand, die bei einem B-Jugend-Testspiel kurz vor der persönlichen Champions-League-Finalniederlage steht. 😆 Ein bisschen Contenance darf bleiben.
Aber die Annika, die jeden Konflikt vermeiden wollte und hinterher noch überlegt hat, ob sie sich vielleicht entschuldigen sollte, obwohl sie überhaupt nichts falsch gemacht hat?
Die darf gern ein bisschen verschwinden.
Vielleicht haben die Wechseljahre meine Zündschnur tatsächlich verkürzt. Vielleicht haben Hormone, Schlaf und Stress ihren Anteil. Und vielleicht kommt gleichzeitig etwas anderes hinzu, das ich ziemlich großartig finde: Ich bin Mitte 50. Ich kenne mich inzwischen ziemlich gut. Ich weiß immer besser, was ich möchte.
Und vor allem weiß ich inzwischen ziemlich genau, was ich nicht mehr möchte.
Wir Gen-X-Frauen sind sowieso die unfassbar coolste Generation.
Wir müssen nur noch ein bisschen mehr loslassen.
Lasst uns dran arbeiten. 😆🌸
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen können in der Perimenopause und Menopause auftreten.
- Hormonschwankungen sind nicht die einzige mögliche Ursache: Schlafmangel, Stress, körperliche Beschwerden und die Lebenssituation können zusammenspielen.
- Nicht jede Wut und nicht jedes deutliche Nein ist ein Wechseljahressymptom. Grenzen zu setzen kann vollkommen angemessen sein.
- Starke oder anhaltende psychische Veränderungen sollten medizinisch oder psychotherapeutisch abgeklärt werden.
FAQ / Häufige Fragen zu Reizbarkeit in den Wechseljahren
Ist Reizbarkeit in den Wechseljahren normal?
Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen können rund um die Perimenopause und Menopause auftreten. Hormonelle Veränderungen können dabei eine Rolle spielen, aber auch Schlafprobleme, Stress und die persönliche Lebenssituation wirken sich auf die Stimmung aus.
Warum ist meine Zündschnur plötzlich so kurz?
Es gibt nicht den einen Grund. Wechseljahresbeschwerden, schlechter Schlaf, psychische Belastung und hormonelle Veränderungen können zusammenspielen.
Was kann gegen Reizbarkeit helfen?
Ausreichend Erholung, Bewegung, Stressreduktion und je nach Beschwerden eine gezielte Behandlung können helfen. Auch kognitive Verhaltenstherapie kann bei bestimmten mit der Menopause verbundenen psychischen beziehungsweise Schlafbeschwerden eine Option sein.
Ist jede Wut ein Wechseljahressymptom?
Nein. Wut kann natürlich auch eine vollkommen angemessene Reaktion sein. Nicht jede neue Grenze und nicht jedes deutliche Nein ist hormonell bedingt.
Wann sollte ich Hilfe suchen?
Wenn psychische Beschwerden stark sind, länger anhalten oder Alltag, Beziehungen und Lebensqualität deutlich beeinträchtigen, sollten sie medizinisch beziehungsweise psychotherapeutisch abgeklärt werden.
Machen die Wechseljahre aggressiv?
Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen können während der Wechseljahre auftreten. „Aggressivität“ ist allerdings ein sehr pauschaler Begriff. Wenn starke Wut oder ungewöhnliche Verhaltensänderungen auftreten, sollte nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass ausschließlich die Hormone verantwortlich sind.
Kann schlechter Schlaf die Reizbarkeit verstärken?
Ja. Schlafprobleme können Stress, Ängstlichkeit und Reizbarkeit verstärken. Gerade weil Schlafstörungen in den Wechseljahren häufig vorkommen, können sich verschiedene Beschwerden gegenseitig beeinflussen.
Sind depressive Symptome einfach nur Wechseljahre?
Nein. Depressive Symptome oder andere starke psychische Beschwerden sollten nicht einfach als „Wechseljahre“ abgetan werden. Besonders wenn sie länger anhalten oder das Leben deutlich beeinträchtigen, ist eine Abklärung sinnvoll.
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Quellen
- Deutsche Menopause Gesellschaft: Was ist die Menopause?
- AWMF: S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause, 2026
- NICE: Menopause – Empfehlungen zu psychischen Beschwerden und Schlafproblemen
- NHS: Symptome von Perimenopause und Menopause
Transparenzhinweis
Dieser Artikel verbindet meine persönliche Erfahrung mit allgemeinen medizinischen Informationen zu Reizbarkeit, Stimmung und Wechseljahren. Meine kürzere Zündschnur ist meine persönliche Wahrnehmung und bedeutet nicht, dass Reizbarkeit bei jeder Frau hormonell bedingt ist. Psychische Beschwerden können unterschiedliche Ursachen haben und sollten bei starker oder anhaltender Belastung medizinisch oder psychotherapeutisch abgeklärt werden. Dieser Artikel ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.
